Posts mit dem Label Verwirrung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Verwirrung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 3. Mai 2012

Der Mann mit dem Koffer voller Fragen

Melancholisch ließ die Birke ihre Zweige hängen. Im Hintergrund strahlte der rosafarbene Himmel mit der leuchtend orangenen Sonne um die Wette, die sich gerade schlafen legte. Ein sanfter Hauch von einem Wind wehte und ließ die Zweige der Birke im schwindenden Abendlicht tanzen. Die alte Schaukel pendelte leicht hin und her, stand verlassen an dem Platz, an dem sie schon so viele Jahre gestanden hatte. In der Luft lag noch ein letztes Kinderlachen, das den Tag beschloss. Aus den geöffneten Fenstern drangen Küchengeräusche und appetitliche Gerüche, die sich mit dem schweren Duft der Magnolien mischten. Hinter den Fassaden kamen die Familien zusammen, man konnte die Nähe durch die Hauswände spüren. Ein einsamer Wanderer stapfte durch die menschenleeren Straßen. Seine Schuhe waren löchrig und mit rotem Staub bedeckt, seinen abgewetzten Hut trug er tief ins Gesicht gezogen. Obwohl er schwieg, hatte man den Eindruck, dass er ein Liedchen pfiff. Eine Weise, wie aus einer anderen Welt, die so unpassend an diesem frischen Frühlingsabend schien, wie er selbst. Der Landstreicher trug einen großen Koffer bei sich, von dem man glauben musste, dass man ihn einzig vom Fleck bewegen konnte, indem man ihn mühsam hinter sich her schleifte, so riesig war er. Doch der Mann trug das Gepäckstück locker unter dem Arm, ließ ihn baumeln, als wöge er nichts. Jetzt wendete er sich einem Garten zu, dessen Wiese über und über mit weißen Blütenblättern bedeckt war. Darüber reckten sich die alten, knorrigen Stämme der blütenübersäten Obstbäume. Der Mann blieb stehen und von ihm strahlte ein Lächeln in die Welt, als betrachte er das Schönste, das er sich vorstellen konnte. Mit fachmännischem Blick nahm er alles in sich auf: jeden Zweig, jeden Strauch und jedes kleine, gelbgrüne Blättchen. Der Koffer glitt zu Boden, als ein langgezogener Freudenschrei in der Ferne verhallte. Staubwölkchen wirbelten um die Füße des Landstreichers. Und dann, wie um ein Zeichen zu geben, markierte das Quietschen der verlassenen Schaukel den Beginn der seltsamen Ereignisse an diesem friedlichen Tag im April. Mit einem Schnappen sprangen die Schlösser am Koffer auf und der gewichtige Deckel öffnete sich langsam, wie schwerelos. Für den ungeübten Betrachter schien das Gepäckstück gänzlich leer zu sein, doch wer genauer hinsah und zum Sehen nicht nur seine Augen gebrauchte, der erkannte sofort, dass er bis zum Rand gefüllt war mit Fragen. Unter ihnen waren große und scheinbar unbedeutende Fragen, offene und peinlich genau formulierte, bunte und stille. Sie alle breiteten sich aus und zogen sich wieder zusammen, purzelten wild durcheinander. Bedächtig machte der Mann einen Schritt zurück und beugte sich zu den unzähligen Fragen hinunter und kramte lange in dem Koffer, bis er behutsam die Auserwählte auf seine raue Handfläche legte. Er hob sie an seinen Mund und sein Atem ließ sie sich schwebend entfernen, den hellen Blüten entgegen bis sie vom Nachthimmel verschluckt wurde. Der Wanderer verfolgte ihren Weg und seufzte lautlos. Dann gab er dem Koffer einen Stups mit dem Fuß, sodass dieser zusammenklappte. Ein weiterer kleiner Tritt ließ ihn aufspringen, und der Mann fasst ihn wieder unter dem Arm. Schlendernd entfernte er sich, wie er gekommen war, verließ die Straße ohne Eile. Doch in jedem Haus, an dem er vorbeikam, ging ein Licht an. Gelbe Äugelein guckten in die Nacht und ein oder zweimal blieb der Wanderer einen kurzen Moment lang stehen und griff in die Leere. Nur wer bereit war, die Augen zu schließen, konnte sehen, dass ein Reisender durch die Dunkelheit schlenderte, um noch all die übriggelassenen Fragen zu sammeln.
von Darleen Schitkowsky

Unbenannt

Wohin soll ich fliehen?
Meine Flügel sind gebrochen,
Wenn böse Träume mich ins Dünkel ziehen,
Und niemand hier, der mich hält.

Ich hab den Weg verloren.
So fühlt es sich zumindest an.
Aus der Tiefe der Nacht ist mein Unmut geboren.
Flog ich nicht einst weit übers Meer?

Berühr meine Hand,
Fühl wie sie bebt!
Nimm mich mit ins Märchenland,
Hier kann ich nicht bleiben.

Zu groß ist die Gefahr
Sich in sich selbst zu verlieren,
Werden Träume wahr?
An einem andern Ort?
von Darleen Schitkowsky

Gedanken ordnen

Die Gedanken und Gefühle schwirren wie in Meer,
Immer wieder hin und her.
Sie mischen sich und verwirren dich.
Sie reißen dich wie Wurzeln aus der Erde,
Quälend, leis und gerne.

So bitte ich, fangt jetzt an zu ordnen euch,
In schwarz und weiß, in rot und gold.
Entzwirbelt und erkläret mir,
Dies alles hier.

So zeiget mir was meinen Puls zum Himmel hebt,
Damit mein Herz in Gewissheit schwebt.
Gebt Antwort auf die Fragen,
Um die Plagen zu verjagen.

So kläret den Nebel bis zum Morgentau,
Damit ich wieder spür,
Wie das Leben unter meinen Füßen rührt.

von Linda Zirnstein