Allein unter Lebenden
Denn
zu dieser Zeit vibrierte alle Welt und jedermann war ein Vesuv und die
Eruptionen der menschlichen Vulkane spuckten Leben um sich; einzig sie
rang begraben unter der Asche und dem Staub nach Atem.
Da gab es die
roten Wilden, die sich im psychedelischen Strudel ihres durch bunte
Substanzen aufgewühlten Bluts und der kreischenden Musik unterlegt mit
feisten Bässen im Tanze drehten und sich ganz vergaßen. Aus
zwielichtigen Etablissements konnte man ihre grellen Rufe hören,
ekstatisch immer engere Kreise ziehend, immer schneller und lauter
hetzend.
Wieder andere suchten die Weite. Sie sahen die Welt mit den
von Zeit ungetrübten Augen der Jugend, die viel auf ihre großen
Hoffnungen und ihren idealisierten Hass auf das System- welches ist, wie
die Geschichte zeigt, nicht von Belang, da es sich schlicht immer um
das Vorhandene handelt- und letztlich die sogenannte Freiheit hielten.
Diese war ihnen das höchste und einzig erstrebenswerte Gut und sie
fanden es sich in den fernen Ländern der Erde zwischen fremden Sprachen
und Landschaften.
Die nächsten taten sich durch ihren Intellekt oder
ihr Talent hervor, an das sie sich klammerten und es bereitete ihnen
rote Teppiche auf allen Wegen, die nach oben führen und keine Türen
blieben verschlossen, sodass sie in dem Wissen wandelten, am Ende der
Leiter vom goldenen Balkon dem Pöbel zu winken. Und einige waren
schlicht so schön, dass ihre Umwelt nicht umhin konnte, sie über alles
zu erheben, sodass deren Lebenssinn in sich selbst und der Leichtigkeit
zu finden war.
Manche wenige hatten sogar das Glück durch die
Freuden von Liebe und Freundschaft Kraft zu finden, doch Gefühle sind
ein windiges Geschäft. Spontanität verhalf solchen, Religion jenen
anderen, Wut den letzten zu einem Gegenstand, um den sich ihre Gedanken
winden konnten, sodass sie einen Grund zur Detonation fanden.
Sie
alle jedoch waren in ihrer Diversität begnadet, weil sie ihre
persönliche Existenz von etwas Allgemeinem, das alle besaßen, zu etwas
Eigenem machten, indem sie es erfüllten mit dem einen, von dem sie
glaubten, dass es sie satt mache oder zumindest meinten sie dadurch, der
unstillbaren Gier nach Leben, dem ewigen Hunger entfliehen zu können.
Ganz gleich, ob es nun Vergnügungswut, Ideale oder Ehrgeiz waren, die
ehrbaren- und naiven- Hoffnungen oder der Hände und Geister ehrliche-
und ermüdende- Arbeit; sie hatten ihre Mittel, die peitschende Sehnsucht
zu bezwingen. Und sie nutzen, war jenes diffuse Gewirr, das man mit dem
seltsamen Wort Leben bekleidet.
Auf gewisse Weise waren nämlich all
diese Menschen geeint durch die Arroganz des Lebendig-Seins, durch ihre
explosive Sprengkraft. Selbst jene, deren Gemüter lediglich zu einfach
gemacht waren, um zu erkennen, wie sich um sie her eins in das andere
fügte und das dritte erlosch, waren doch glücklich, weil man „sich halt
so durchschlägt“. Selbst der Alltag konnte das heilige Elixier des
Lebendigen sein.
Allein sie, die unter der Asche wühlte und nach
Luft ächzte, die genau wie die anderen die Sucht in sich hatte, die alle
Welt von Geburt an verpestet und sie einmal taub, einmal rasend macht,
allein sie gehörte trotzdem nicht zu den Lebendigen. Denn sie kannte
keinen Weg und ihre Existenz war still und antriebslos, weil sie voller
Gedanken und Wünsche war, und dennoch ohne Taten blieb. Denn in solchen,
die keine Spur halten können und immer ausweichen in weitläufige Wüsten
aus Liebe, die aber niemals zur Passion reicht, wächst der Druck des
heißen Magmas nicht genug, auf dass sie ihr Innerstes und all ihr Gut
nicht nach außen tragen können. Ihr Vulkanenschlund bleibt stumm und
speit das Wichtige im Inneren nicht aus, sodass ihr Leben, was es nicht
ist, weil es nicht aus Handlungen besteht, einer zersprengten Suche
gleicht. Ihr Geheimnis findet keinen Ausdruck.
von Darleen Schitkowsky
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