Der Mann mit dem Koffer voller Fragen
Melancholisch
ließ die Birke ihre Zweige hängen. Im Hintergrund strahlte der
rosafarbene Himmel mit der leuchtend orangenen Sonne um die Wette, die
sich gerade schlafen legte. Ein sanfter Hauch von einem Wind wehte und
ließ die Zweige der Birke im schwindenden Abendlicht tanzen. Die alte
Schaukel pendelte leicht hin und her, stand verlassen an dem Platz, an
dem sie schon so viele Jahre gestanden hatte. In der Luft lag noch ein
letztes Kinderlachen, das den Tag beschloss. Aus den geöffneten Fenstern
drangen Küchengeräusche und appetitliche Gerüche, die sich mit dem
schweren Duft der Magnolien mischten. Hinter den Fassaden kamen die
Familien zusammen, man konnte die Nähe durch die Hauswände spüren. Ein
einsamer Wanderer stapfte durch die menschenleeren Straßen. Seine Schuhe
waren löchrig und mit rotem Staub bedeckt, seinen abgewetzten Hut trug
er tief ins Gesicht gezogen. Obwohl er schwieg, hatte man den Eindruck,
dass er ein Liedchen pfiff. Eine Weise, wie aus einer anderen Welt, die
so unpassend an diesem frischen Frühlingsabend schien, wie er selbst.
Der Landstreicher trug einen großen Koffer bei sich, von dem man glauben
musste, dass man ihn einzig vom Fleck bewegen konnte, indem man ihn
mühsam hinter sich her schleifte, so riesig war er. Doch der Mann trug
das Gepäckstück locker unter dem Arm, ließ ihn baumeln, als wöge er
nichts. Jetzt wendete er sich einem Garten zu, dessen Wiese über und
über mit weißen Blütenblättern bedeckt war. Darüber reckten sich die
alten, knorrigen Stämme der blütenübersäten Obstbäume. Der Mann blieb
stehen und von ihm strahlte ein Lächeln in die Welt, als betrachte er
das Schönste, das er sich vorstellen konnte. Mit fachmännischem Blick
nahm er alles in sich auf: jeden Zweig, jeden Strauch und jedes kleine,
gelbgrüne Blättchen. Der Koffer glitt zu Boden, als ein langgezogener
Freudenschrei in der Ferne verhallte. Staubwölkchen wirbelten um die
Füße des Landstreichers. Und dann, wie um ein Zeichen zu geben,
markierte das Quietschen der verlassenen Schaukel den Beginn der
seltsamen Ereignisse an diesem friedlichen Tag im April. Mit einem
Schnappen sprangen die Schlösser am Koffer auf und der gewichtige Deckel
öffnete sich langsam, wie schwerelos. Für den ungeübten Betrachter
schien das Gepäckstück gänzlich leer zu sein, doch wer genauer hinsah
und zum Sehen nicht nur seine Augen gebrauchte, der erkannte sofort,
dass er bis zum Rand gefüllt war mit Fragen. Unter ihnen waren große und
scheinbar unbedeutende Fragen, offene und peinlich genau formulierte,
bunte und stille. Sie alle breiteten sich aus und zogen sich wieder
zusammen, purzelten wild durcheinander. Bedächtig machte der Mann einen
Schritt zurück und beugte sich zu den unzähligen Fragen hinunter und
kramte lange in dem Koffer, bis er behutsam die Auserwählte auf seine
raue Handfläche legte. Er hob sie an seinen Mund und sein Atem ließ sie
sich schwebend entfernen, den hellen Blüten entgegen bis sie vom
Nachthimmel verschluckt wurde. Der Wanderer verfolgte ihren Weg und
seufzte lautlos. Dann gab er dem Koffer einen Stups mit dem Fuß, sodass
dieser zusammenklappte. Ein weiterer kleiner Tritt ließ ihn aufspringen,
und der Mann fasst ihn wieder unter dem Arm. Schlendernd entfernte er
sich, wie er gekommen war, verließ die Straße ohne Eile. Doch in jedem
Haus, an dem er vorbeikam, ging ein Licht an. Gelbe Äugelein guckten in
die Nacht und ein oder zweimal blieb der Wanderer einen kurzen Moment
lang stehen und griff in die Leere. Nur wer bereit war, die Augen zu
schließen, konnte sehen, dass ein Reisender durch die Dunkelheit
schlenderte, um noch all die übriggelassenen Fragen zu sammeln.
von Darleen Schitkowsky
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