Unbenannt
Sie
erhellte den ganzen Raum. Es war nicht so, dass sie das Licht
reflektierte, nein. Sie war das Licht. Ein ungeheurer Schein drang aus
ihr heraus. Der Schimmer lag auf ihrem goldenen Engelshaar, auf ihrer
Haut, auf den Lippen, in jeder ihrer Gesten. Was sie berührte, wurde
heilig. Alles an ihr war hell. Einen ihrer Strahlen auf sich ruhen zu
spüren, wurde unmittelbar zu einem teifen, inneren Verlangen. Ihr Zauber
lag in der Luft, die sie atmete. Den Blick von ihren zarten Zügen
abzuwenden, glich einem unerträglichen Verlust, denn ihre Augen waren
der Himmel, getaucht in sanftes Blau, umringt von einem güldene
Wimpernkranz; mit jedem Lidschlag brachte sie die Welt zum Erzittern,
Jungfrauen zum Eröten und trieb jeden Mann in den Wahnsinn. Ein jeder
wollte sie berühren. Ein jeder wollte sie besitzen. Den herbsüßen
Goldschatz, das Blitzen ihres Augensterns, das Beben ihres Mundes.
Einzig ihre Unschuld zu stehlen, wäre ein Verbrechen an der Menschheit.
Ach, sie malen können! Sie einfangen, um jeden Moment ihrer Anmut zu
huldigen. Dem gleichmäßigen Fluss, dem Glanz ihres Haares. Ihrem
königlichen Profil, dem edlen Schwung, der Einheit ihres Antlitz, ihrer
Brauen.Ihre noble Haut, so hell, so weiß, wie weicher Sand am Meer, so
klar, so rein. So erstrebenswert, berührenswert. Ach, sie malen können!
Doch kein Rahmen dieser Welt könnte sie erreichen, selbst pures Gold
wäre doch ein Makel, bedrückte ihre Schönheit. Welche Sehnsucht sie im
Herzen schuf, wenn sie sich bewegte. Jeder Atemzug, der ihre Brust
emporhob. Ihre schlanke Gestalt, die sich katzengleich bewegte,
schwebte. Wie eine Elfe. Verstecktes Raubtier raubst mir den Verstand.
Wenn sie die Arme hob, wie Strahlen der Sonne sie umkreisen ließ, wenn
sie sich im Tanze drehte. Die Hand um ihre Taille legte, die Skulptur
ihres Korpus, die Wellen ihrer Weiblichkeit. Wie langsam ihr
Schwanenhals in ihren schmalen Rücken überging und die Linie tiefer
wanderte, hinab, noch weiter, hinein in einen Ozean aus Fantasien... Die
Silhouette ihres Körpersaus Elfenbein geschnitzt, direkt aus Gottes
Hand zu den Freuden und Leiden der Welt gegeben. Ach, sie in Marmor
meißeln! Für die Ewigkeit beschützt. Nun, da sie mit ihren kleinen
Fingern suchte, sie krümmte, als seien sie winzige Lebensformen, auf
eine Weise surreal. Ihre perfekten Hände drehte und wendete, da
offenbahrte sie in dieser Bewegung die ganze Herrlichkeit ihres Wesens.
Wie ein ungebändigtes, doch wunderschönes Tier. Frei und unbeschwert und
so völlig selbstvergessen. Die Liebkosung ihrer weichen, rosafarbenen
Lippen, voll und froh. Der Wunsch im Herzen, der wuchs mit jeder
Sekunde, die man ihre Vollkommenheit betrachtete, ein wenig ihres Sein
zu erhalten, durch ihren Kuss erhellt zu werden. Ihre Luft zu atmen.
Ihren Lebenshauch zu spüren und die Grazie ihrer Schönheit. Sei es nur
ein Augenblick solch heiliger Verschmelzung. Flüchtig wie ein
Frühlingswind, der lau die Natur belebt.
Aber sie blieb nicht
still. Sie handelte. Und obgleichder Raum allein durch irh Dasein ein
Zimmer voll Bernstein und Rubinen war, brach sie ihren eignen Bann. Ein
Verbrechen an der Menschheit, einzig sie selbst stahl ihre Unschuld und
die Ehre ihrer Existenz so schwach gemacht durch Hochmut. Durch ihr
Lachen, das aller Reinheit, allen Lichts entbehrte. Welch
schwerwiegender Fehler der Natur: Ein solch hohes Menschenkind, eine
Frau an Klarheit, Anmut nicht zu übertreffen mit solch mittlerem
Charakter auszustatten.
von Darleen Schitkowsky
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